Eine
Lehre, eine Theorie oder eine Methode ist um verstanden zu werden darauf angewiesen
zunächst mal in übersichtlichen Strukturen darstellbar zu sein. In diesem
Aufsatz gibt der Begründer der Funktionalen STimmarbeit einen Einblick in
Grundlagen seiner Arbeit. Anhand von vier Begriffen werden Zusammenhänge und
Systeme erklärt, die es bei genauerem Hinschauen und „Hinhorchen“ ermöglichen
sowohl in der Diagnose glottaler Insuffizienzen und extraglottaler Kompensationsmechanismen
treffsicherer zu werden als auch in der Therapie effizienter arbeiten zu können.
Diese vier Begriffe bilden zwei Paare von Antipolen, die zunächst der Definition
bedürfen.
1.Streckschlinge
2.Beugeschlinge
3.Vordere
Spannungskette
4.Hintere
Spannungskette
Diese
vier Systeme stehen in verschiedenen funktionellen Zusammenhängen, z.B.
Antagonistisches
System:
Streckschlinge - Beugeschlinge
Synergistisches
System mit individuell wechselnden Dominanzen
Vordere
Spannungskette - Hintere Spannungskette
Gegenseitige
Beeinflussung:
Streckschlinge - Hintere
Spannungskette
Gegenseitige
Beeinflussung:
Beugeschlinge - Vordere
Spannungskette
Doch
zunächst zu den Definitionen:
Die
Beugeschlinge ist die Summe aller Muskeln und ihrer Aktivitäten, die Gelenke
des Körpers beugen.
Die
Streckschlinge ist die Summe aller Muskeln und ihrer Aktivitäten, die Gelenke
des Körpers strecken.
Für
das Nutzbarmachen dieser allgemein bekannten Zusammenhänge von Beuge- bzw.
Streckschlingenaktivität
ist es sinnvoll diese Schlingen funktionell so zu erweitern, dass zu
jedem
der Systeme Muskeln bzw. Muskelgruppen hinzugefügt werden, die mit der reinen
Beuge- bzw. Streckschlinge intern kommunizieren. Die hinzugefügten Muskelgruppen
stellen den Zusammenhang her, der z.B. zwischen Ganzkörperbewegungen und den
Bewegungen des Vokaltraktes besteht.
Die
Beugeschlinge wird erweitert durch Muskulatur, die bei dominant beugender Aktivität im Körper mit Tonuserhöhung,
z.T. mit Bewegung reagiert. Die Aktivität solcher Muskulatur zeigt sich z.B.
in geringer Kieferöffnung verbunden mit einer Retraktion des Unterkiefers
in der Artikulation, in dem Senken der Augen, senkrechten Falten in der Stirn
zwischen den Augenbrauen (zusammengezogene Augenbrauen), dem sogenannten Nadelkissen
im Kinn (m.mentalis-Hyperaktivität), Zungengrunddruck, Rückverlagerung u.v.m.
Die
Streckschlinge wird erweitert durch Muskulatur, die bei dominant streckender Aktivität im Körper mit Tonuserhöhung,
z.T. mit Bewegung reagiert. Die Aktivität solcher Muskulatur zeigt sich z.B.
im Heben der Augen, in waagerechten Falten in der Stirn (hochgezogene Augenbrauen);
geringer Kieferöffnung verbunden mit funktioneller Progenie, Breitspannung
in der äußeren Artikulation (Mundrahmen, Mundwinkel), u.v.m.
Diese Zusammenhänge sind leicht nachvollziehbar: Stellen
wir uns aufrecht in einen Raum und schauen wir zu dem Punkt an der Decke,
der senkrecht über uns ist (Streckschlingenübung), so werden wir in der Abfolge
der Bewegung erleben, dass nach dem Heben der Augen die Augenbrauen beginnen
sich in die gleiche Richtung, nämlich nach oben zu heben. Es folgen waagerechte
Falten in der Stirn, u.U. auch eine funktionelle Progenie. Danach ergibt sich
eine Reihe von streckenden Muskelaktivitäten: Bewegung im Atlas um die nicht
ausreichende Augenbewegung zu unterstützen, dann Streckung in der gesamten
HWS, danach u.U. noch Aufrichtung in der BWS und Verstärkung des Hohlkreuzes
(LWS).
Für
das funktionelle Verständnis: Die aus der angegebenen Übung resultierende
Bewegung im Atlas und der HWS ist funktionell gesehen eine Streckung, auch
wenn die natürliche Rundung, nämlich die Lordose in diesem Bewegungsablauf
verstärkt wird. Sprechen wir bei der Reduktion der Lordose also bei dem „Gerade-Machen“
der HWS von Streckung so ist dieser Begriff in sofern irreführend als er die
Verformung in Richtung „gerade“ aber nicht die Bewegung im funktionellen Zusammenhang
beschreibt.
Das
gleiche ist in dem antagonistischen System wahrnehmbar, wenn wir aufrecht
stehend nach unten zu unseren Füßen schauen (Beugeschlingenübung). Der Aktivität
der reinen Beugeschlinge gehen einige muskuläre Aktivitäten voraus, die oben
beschrieben sind. Zunächst werden die Augen nach unten bewegt, dann geht es
mit der Bildung senkrechter Stirnfalten weiter. Bei vielen, je nach Organisation
des Atlas und der HWS gibt es dann noch eine spürbare Tonuserhöhung in dem
Mundboden, im Mentalis, in der Retraktion des Unterkiefers wenn der Atlas
und in Folge die HWS beginnen sich zu beugen.
Auch
hier ein Hinweis für das funktionelle Verständnis, diesmal zur Beugeschlingen-Übung:
Die angeleitete Bewegung (schauen nach unten) des Atlas und der HWS ist im
funktionellen Sinne eine Beugung. Nur von der äußerlich sichtbaren Verformung
erinnert sie im ersten Teil der Bewegung optisch an eine Streckung. Auch in
der kinästhetischen Wahrnehmung kann durchaus der Eindruck einer Streckung
vorherrschen, dann nämlich, wenn die Haupt-Aufmerksamkeit dorsal, in diesem
Fall im Nacken konzentriert ist. Wir erleben eine Dehnung der Nackenmuskulatur.
Das führt viele von uns zunächst mal auf die falsche Fährte. Anders formuliert:
Sprechen wir bei der Reduktion der Lordose also bei dem „Gerade-Machen“ der
HWS von Streckung so ist dieser Begriff in sofern irreführend als er die Verformung
in Richtung „gerade“ aber nicht die Bewegung „Beugung“ im funktionellen Zusammenhang
beschreibt.
Das
zweite Begriffspaar beschreibt Dominanzen von Aktivitäten, die den Vokaltrakt
von vorne (ventral) oder von hinten (dorsal) in seiner Form verengen können:
Zunächst
auch hier wieder zur Eindeutigkeit der Begrifflichkeiten und deren Verständnis
die notwendigen Definitionen:
Die
vordere Spannungskette ist
die Summe der Muskeln, die den Vokaltrakt von vorne verengen oder sogar schließen
können. Dazu gehören die Kiefer- und Lippenschließmuskeln, die Zunge, der
Mundboden und auch die schließende Muskulatur der Aryepiglottischen Falte.
All diese Muskeln und Muskelsysteme sind fähig den Vokaltrakt von vorne zu
verschließen oder ggf. kompensatorisch zu verengen.
Die
hintere Spannungskette ist
die Summe der Muskeln, die den Vokaltrakt von hinten verengen kann. Dazu gehören
die Muskeln der Rachenrückwand, die drei pharyngealen Konstriktoren. Sie bilden
die hintere Spannungskette.
Das
Velum, also das Gaumensegel nimmt je nach Dominanz
in der Organisation der Artikulation oder einer Kompensation glottaler Insuffizienz
entweder eine Zwitterstellung ein oder es schlägt sich funktionell gesehen
auf die eine oder die andere Seite der jeweiligen Spannungskette. Der Rahmen
eines einführenden Aufsatzes wäre gesprengt würde auf die Differenzierung
des Gaumensegels in seinen vielfachen Identifikationsmöglichkeiten eingegangen.
Die
vordere Spannungskette ist erlebbar,
wollen wir bewusst besonders tief und mit dunklem Stimmklang sprechen. Wir
erleben eine Tonuserhöhung im Mundboden, einen heruntergedrückten oder herabgezogenen
Kehlkopf und in Verbindung damit einen abgedunkelten Stimmklang verbunden
mit abgesenkter Sprechstimmlage. Darüber hinaus ist aber auch noch eine Beugung
im Atlas und der HWS (siehe oben unter „Beugeschlingenübung“) und das Zusammenziehen
der Augenbrauen zu beobachten. Wir erleben in diesem Zusammenhang eine abgedunkelte
eher dumpfe, tiefe Stimme. Eine der ab und zu vorkommenden Spätfolgen sind
bei derartiger Überlastung des m.vocalis und Ausschaltung seines Antagonisten
c.t. der ovaläre Spalt.
Die
hintere Spannungskette ist erlebbar, versuchen wir besonders hell und
hoch zu sprechen. Wir erleben eine
Bewegung im hohen Nacken, der Atlas und /oder die gesamte HWS werden gestreckt
(siehe unter Streckschlingenübung), der Unterkiefer ist tendenziell eher nach
vorne geschoben (funktionelle Progenie), die Halsmuskulatur und damit auch
die Kehlkopfaufhängemuskulatur ist gespannt / gezerrt, die Augenbrauen werden
nach oben gezogen, es entstehen waagerechte Falten an der Stirn, die Stimme
wird höher, flacher heller mit der Tendenz zum Hauch (im Extremfall: dorsalen
Spalt).
Und damit sind wir bei der Beschreibung der funktionellen
Zusammenhänge der vier jeweils zweipaarigen Begriffe: Beugeschlinge, Streckschlinge,
vordere Spannungskette, hintere Spannungskette.
Wie
in dem Absatz oben schon angedeutet haben die Beugeschlinge, Streckschlinge,
vordere und hintere Spannungskette auch einen recht eindeutigen Einfluss auf
stimmliche Parameter wie Höhe, Stimmklang, also das Frequenzspektrum und eventuelle
Geräuschanteile.
Die
Beugeschlinge in Zusammenarbeit
mit der vorderen Spannungskette bringt auf glottaler Ebene eine eindeutige
Ausrichtung von phonatorischen Dominanzen. Wir können den Zusammenhang zur
tieferen dunkleren Stimme erleben. Das Tieferwerden der Stimme deutet auf
glottaler Ebene auf eine Verschiebung der Dominanz im Antagonismus c.t. –
vocalis zu Gunsten des letzteren hin. Das heißt, dass die Phonation sich dominant
ausrichtet nach der Funktionsweise und den Reaktionsmöglichkeiten des kraftvollen
Einsatzes unseres internen Stimmlippenmuskels, des m.vocalis. Dieser reagiert
am stärksten und kräftigsten zunächst mal auf die Erhöhung des subglottischen
Luftdrucks. Damit erleben wir bei der oben angesprochenen Kompensation (besonders
tief und dunkel zu sprechen) um die für den m.vocalis typische Druckdominanz.
Die Rückverlagerung, der Zungengrunddruck, die Elemente der vorderen Spannungskette
und eine Dominanz der Beugeschlinge sind die häufigsten Begleiter dieser Art
von Kompensation. Wir sprechen von einer vocalis-Druckdominanz oder von einem
über das Überdruckventilsystem erzwungenen kompensatorischen Massenregister.
Es bezeichnet die glottale Schwingungsorganisation durch die Dominanz des
m.vocalis und dessen unsensibel zur Schwingung gebrachten Masse. Dadurch ist
sowohl die Sensibilität des m.vocalis als auch die Feinregulation des Antagonismus
c.t.-vocalis entscheidend beeinträchtigt.
Die
Streckschlinge in Zusammenarbeit
mit der hinteren Spannungskette bringt ebenso auf glottaler Ebene eine eindeutige
Gewichtung phonatorischer Dominanzen. Wir können den Zusammenhang zur aufgehellteren
höheren Stimme erleben. Das Höherwerden der Stimme deutet auf glottaler Ebene
auf eine Verschiebung der Dominanz im Antagonismus c.t.-vocalis zu Gunsten
des c.t. hin. Das bedeutet, dass sich die Phonation dominant ausrichtet nach
den ganzkörperlichen Unterstützungs- bzw. Kompensationsmöglichkeiten des c.t.
und das ist vor allen Dingen die Streckschlingendominanz unter Zuhilfenahme
der hinteren Spannungskette. Wir erleben die ganzkörperliche Unterstützung
der c.t.-Dominanz z.B. in hochgezogenen Augenbrauen, hochgezogenem Kehlkopf,
in einer funktionellen Progenie, in einer gestreckten HWS (siehe Streckschlingenübung),
einer artikulatorischen Breitspannung und einer Verspannung der Rachenrückwand.
Diese Art von c.t.-Dominanz kann man auch als ein unflexibles Spannungsregister
im Sinne der glottalen Schwingungsorganisation bezeichnen. Es zeichnet sich
dadurch aus, dass die Dominanz der ganzkörperlich unterstützenden Maßnahmen
für den c.t. der Fähigkeit zur sensiblen Spannungsdifferenzierung im m.vocalis
massivst entgegenarbeiten und damit durch die Einseitigkeit der c.t.-Dominanz der Antagonismus zwischen vocalis und c.t.
wenn nicht ausgeschaltet so in jedem Fall in seiner Feinregulation empfindlich
gestört ist.
Die
Theorie dieser zwei paarigen Antipole auf dem Prüfstand der Praxis.
Diese
vier Erscheinungsformen menschlicher Bewegungsorganisationen kommen aus der
Beobachtung verschiedenster Bewegungs- und Haltungsmuster. In einer relativen
Reinform gibt es z.B. die Beugeschlinge nur im pathologischen Bereich von
extremen globalen Spastiken. Jede Form einer Bewegungsorganisation, einer
Kompensation ob primär oder sekundär, die für die Diagnose und die Wahl geeigneter
Übungen in der Stimmtherapie interessant ist, besteht also aus einer Mischform.
Um diese zunächst mal als uneindeutig anmutende beobachtbare Bewegungsorganisation
entsprechend deuten zu können ist es hilfreich sich bestimmte Körperbereiche
speziell anzuschauen. Sammeln wir Eindrücke von den verschiedensten Körperregionen
so kann es z.B. sei, dass wir bei besonders angestrengter Stimme ganz viele
Elemente der Streckschlinge sehen, wie z.B. ein abgestreckter Daumen, ein
abgestreckter kleiner Finger, Gewichtvorverlagerung bis zum Abheben der Fersen
im Stand, hochgezogenen Augenbrauen, Breitspannung im Lippenring, gestreckte
HWS, vorgeschobener Unterkiefer... Alles das führt uns zu der Vermutung, dass
wahrscheinlich auch die Rachenrückwand für eine Vokaltraktverengung dominant
aktiv ist, dass die Sprechstimmlage wahrscheinlich zu hoch ist, dass die Stimme
einseitig zu hell ausgeprägt ist. All das können wir auch hören und vermuten.
Was aber, wenn verschiedene Bereich im Körper von der Streckschlingenaktivität
und andere wiederum von der Beugeschlingenaktivität dominiert werden? Guter
Rat muss nicht teuer sein. Beobachten wir zum Zeitpunkt der Leistungssteigerung
in der Phonation ausgesuchte Bereiche des Körpers so können wir
sehen was wir hören und hören was wir sehen
Das
bedeutet, dass synchron zum Lauter- oder zum Höherwerden der Stimme, zum Ausdruckvoller-
oder Mächtigerwerden der Stimme es in speziellen Bereichen des Körpers fast
untrügliche Anzeichen dafür gibt welches kompensierende System oder sogar
welcher Muskel auf glottaler Ebene wann in welche Dominanz geht. Solche leicht
zu beobachtenden Bereiche sind vor allen Dingen:
Atlas
Beugen, Strecken
Lippenring
mentalis-Hyperaktivität, Breitspannung des Lippenrings über den
m.buccinator, m.risorius
Stirn
senkrechte Falten, waagerechte Falten
Daumen Abduktion oder
Adduktion im Daumensattelgelenk
Sprunggelenke Gewichtvor- oder Rückverlagerung
Unterkiefer Öffnungswinkel, funktionelle
Progenie, Retraktion
Augen
Blickrichtungsveränderung nach oben oder unten
HWS
beugende- oder streckende-, Kopf zurückziehende oder vorschiebende
Bewegung
Die
aufgeführten Bereiche sind nicht nach dem Gewicht ihrer Aussagekraft über
die Dominanz der Kompensationen glottaler Disorganisationen geordnet. Eine
solche Ordnung wäre wegen der Individualität der verschiedensten menschlichen
Bewegungs- und Haltungsorganisationen auch gar nicht allgemein gültig. Doch
über die Jahre der Praxis funktionaler Stimmarbeit hinweg haben sich diese
Körperbereiche für die Diagnostik und Therapie als besonders beachtenswert
herausgestellt.
Die
Diagnostik glottaler
Einseitigkeiten in der Schwingungsorganisation wie oben schon beschrieben
ist besonders dann für den Einstieg in die Therapie und die Auswahl effizienter
Übungen erforderlich, wenn wir eine für die Therapie unzureichende Diagnose
wie „hypofunktionelle Dysphonie“ oder „hyperfunktionelle Dysphonie“ oder „unvollständiger
Stimmbandschluss“ o.ä. auf dem Überweisungsschein
stehen haben. Mit Hilfe der oben angeführten Bewegungs- und Haltungsmerkmalen
können wir in der Stimmtherapie die Diagnose präzisieren und sogar Aussagen
über das interne Kommunikationsverhalten der sonst so wenig bewussten glottalen
Muskulatur machen.
Die
Therapie richtet sich wie in der Diagnostik nach der
Flexibilisierung bzw. Stabilisierung jener auffälligen Körperbereiche, die
rein funktionell der Stimme sehr nahe stehen. (siehe Liste: Atlas bis HWS).
Der Grund für die häufige Übereinstimmung der für die Diagnostik zu beobachtenden
Körperbereiche und die in der Therapie zu behandelnden Bereiche besteht einfach
darin, dass eine ganz- oder teilkörperliche Kompensation einer glottalen Insuffizienz
oder Fehlorganisation in der Regel gleichzeitig eine Gesundung der Stimmfunktion
verhindert. Das bedeutet häufig, dass ein Schritt - wenn auch nicht immer
der erste - der Weg der funktionelle Dekompensation ist. Dekompensation bedeutet
in diesem Zusammenhang die Irritation bzw. die Aufhebung einer Kompensation.
Aber
Vorsicht!!!
Nicht
immer ist der Wunsch einer funktionellen Dekompensation auch sofort ohne Hindernisse
in die Tat umsetzbar. Selbst wenn ich sehe: Es ist der Atlas, der ganz eindeutig
„klemmt“, der einen Großteil des Stimmproblems (u.U. sogar ursächlich) ausmacht
bzw. dessen „Linderung“ verhindert ... -
Wenn die Kompensation gebraucht wird, d.h. eine Haltung zur Sicherheit
oder zur Stabilität dringend erforderlich ist, dann wäre es ein unverantwortlicher
Eingriff in ein notwendiges Sicherheitssystem dem Klienten seine die Stimmstörung
unterstützende Fehlhaltung, Verspannung wegzunehmen selbst wenn sie auf den
ersten Blick der Effizienzregelung der Stimmfunktion massiv im Weg steht.
Solche notwendigen Kompromisse, die wir in der Stimmtherapie oft eingehen
müssen sind bei aufmerksamer Beobachtung aber relativ schnell auszumachen
(siehe unter „Atlas“).
Eines
der sensibelsten Bewegungsorgane, die mit der Stimme im engen Zusammenhang
stehen, ist sicher der Atlas. So zentrale Bedeutung er für die Stimme hat,
so deutlich die Arbeit an seiner Flexibilisierung auch Auswirkung auf die
Stimme hat, so groß ist die Gefahr der u.U. auch unerwünschten Nebenwirkungen.
Hier gilt leider ab und zu, dass die effizientesten Übungen, die genialsten
Therapiekonzepte oft diejenigen sind, die nicht nur die größten Nebenwirkungen
sondern auch mit den größten Hemmschwellen zu tun haben.
Die
den Atlas bewegende Muskulatur bekommt ihre Hauptinformation über das Zusammenwirken
von Augen, Ohren und dem Gleichgewichtsorgan, also von und für die Organisation
von Gleichgewicht und akustischer und optischer Orientierung im Raum. Wird
der Atlas mehr als verantwortbar flexibilisiert, wird er für seine gedachten
Funktionen destabilisiert, so kann Schwindel, Absacken des Blutdrucks, Übelkeit
bis hin zum Erbrechen oder Ohnmacht die Folge sein. Als Therapeut ist es sinnvoll
sogenannte Frühwarnsysteme zu kennen und zu erkennen. Solche sind Schwanken,
Destabilisierung in der Augenblickrichtung, bei Phonation in der Singstimme
ungewohnte Unregelmäßigkeiten in der Tonhöhenorganisation und Nachlassen der
medialen Kompression bis hin zum Verhauchen der Stimme über das gewohnte Maß
hinaus, Absinken der Frequenz von bis dahin rhythmischen Bewegungen. Dies
sind externe Frühwarnsysteme. Die internen Frühwarnsysteme sind in der Regel
viel häufiger und viel effizienter im Einsatz. Der Klient selbst sagt: „Nein
auf den Sitzball möchte ich nicht.“ oder „Nein, an den Nacken da darf niemand
ran, das macht mir Angst.“ Manchmal kommt es bei den ersten Versuchen den
Atlas zu flexibilisieren auch zu der paradoxen Reaktion einer Verhärtung,
einer Gegenstabilisierung. Auch das ist ein Signal, was nicht übersehen werden
darf.
Geht
es bei der Atlasflexibilisierung unter anderem um die Lockerung der Kehlkopfaufhängemuskulatur,
so gibt es auch noch andere Wege um den Atlas zu weicheren Bewegungen zu überreden
ohne ihn direkt anzusprechen. Die Sprunggelenke stehen funktionell in engem
Zusammenhang zu ihm. Auch sie sind an der Organisation des Gleichgewichtes
vor allem im Stehen beteiligt. Je nachdem ob man nun im Sitzen oder im Stehen
arbeitet wird man einmal direkter oder einmal indirekter also auch mit mehr
oder weniger Nebenwirkungen den Atlas in der Qualität seiner Bewegungsorganisation
erreichen.
Der
Daumen ist in seiner Funktion als ein zu den anderen Fingern der Hand in Opposition
stehender „Greiffinger“ für die Arbeit an der Stimmfunktion von unschätzbarem
Wert. Insbesondere das Daumensattelgelenk ist in seiner Flexibilisierung für
die Flexibilisierung der Stellknorpelbeweglichkeit auf dem Ringknorpel von
entscheidender Bedeutung. In der Diagnostik beobachten wir synchrone Bewegungen
von Stimmeinsatz und Stimmabsatz mit Ab- oder Adduktionsbewegungen des Daumens
in seinem Sattelgelenk. In der Flexibilisierung des Daumensattelgelenkes steht
uns in der Therapie ein probates Mittel zur Verfügung die Arybeweglichkeit
in der Adduktion und der Abduktion zu flexibilisieren, zu vergrößern und zu
sensibilisieren. Dadurch erreichen wir einerseits einen sensibleren, saubereren
Schluss an den processus vocales andererseits auch die Reduktion des inspiratorischen
Stridors. Besonders interessant sind rhythmische Greifübungen von Daumen und
kleinem Finger synchronisiert mit Stimmeinsatz und Stimmabsatz für den dorsalen
Spalt, für den inspiratorischen Stridor, die Recurrensparese. Für all diese
Patienten sind in der Regel solche Übungen eher schwer auszuführen. Massage
der beugenden Daumensattelgelenksmuskulatur kann den Weg zu solchen Übungen
vorbereiten. Auch hier ist wie so häufig das Maß der Schwierigkeit einer Übung
gleichzeitig das Maß seiner Effizienz. In der Funktionalen Stimmarbeit reduziert
sich dadurch die Anzahl der Übungen zugunsten der Qualität in der Ausführung
und ihrer Effizienz.
Wie
schon oben beschrieben finden wir im Lippenring bzw. im gesamten Mundrahmen
die Kompensationsmechanismen der Streck- und der Beugeschlinge wieder. So
sind gegen die Breitspannung als Element der Streckschlinge und die Spannung
der Rachenrückwand fördernde Aktivität Übungen zur Aktivierung des m.orbicularis
oris also rundende Bewegungen sinnvoll. „u“ und „o“ schon in der Einatmung
sind für die meisten „Breitspanner“ eine sehr schwere Übung. Es widerspricht
ihrem Konzept. Wie so häufig ist hier das Schwere und Ungewohnte der Übung
ein Maßstab für ihre Effizienz. Im Extremfall kann es sogar sinnvoll sein
ein Krafttraining für den m.orbicularis oris anzuleiten:
Gegen
die eigenen zwei kleinen Finger den Lippenring runden. Die kleinen Finger
liegen dabei in den Mundwinkeln und ziehen leicht/zart nach lateral.
Gegen
das antagonistische Prinzip der Kompensation in der Beugeschlinge, hier als
Hyperfunktion im m.mentalis, der die vordere Spannungskette aktiviert, sind
Übungen wie Massage des m.mentalis, Artikulationsbewegungen der Zunge von
hinten-unten nach vorne-oben oder einfach nur von hinten nach vorne (a-ä-e-i-j
oder u-ü-i-j) angebracht. Wichtig dabei ist die Wahrnehmung der Zungenbewegung
im Zungenrücken, der sich mit so wenig Kraftanstrengung wie möglich bewegen
sollte. Denn nur so ist eine Verwandlung des Konzeptes von unökonomischem
Kraftaufwand hin zu einem effizienterem Bewegungsmuster möglich.
In
der Kürze eines Aufsatzes kann ein solch interessantes und umfangreiches Thema
wie das einer differenzierten Diagnostik und Therapie der gestörten Stimme
nur angerissen werden. Sollte das ein oder andere Mosaiksteinchen im weiten
Feld der Stimmtherapie sich geordnet haben, das Gesamtbild von der Stimme
und ihren rein bewegungsphysiologischen Zusammenhängen etwas komplettiert
haben, so habe ich mein Ziel mit diesen Zeilen erreicht.
Zentrale Begriffe: Beuge- und Streckschlinge, vordere
und hintere Spannungskette, Effizienz der Bewegungsorgansiation